Saturday, January 14, 2012

Ich hab Rücken ...



... und ich hab dich", sagt der Rücken. Meine Wirbelsäule, also mein Rücken, und ich wir pflegen nun eine schon fast 50 jährige Beziehung. Und ich kann nur sagen: Wir haben es uns wirklich nicht immer leicht gemacht. Da gab es Probleme in der gegenseitigen Haltung zueinander, Schieflagen und auch gewisse Vorfälle, die es in sich hatten. Vor gut zwei Jahren haben wir uns dann richtig miteinander überworfen. Absolut festgefahren waren unsere Streitereien. Er hat damals total dicht gemacht, blockiert und wie ein alter Ehemann verknöchert und engstirnig reagiert...
Eigentlich hätten wir uns trennen müssen. Aber, wie das in alten Beziehungen so ist, will man fast 50 Jahre einfach so wegwerfen und kann man sich sicher sein, jemand besseres zu finden? Mit dem gegenseitigen Ertragen kamen wir jedenfalls nicht voran. Lange, ermüdende Gespräche zu zweit brachten nur Frust und noch mehr Schmerz. Ich liebäugelte schon mit einem Neuen, jüngeren und diskutierte heftig mit meinem Alten über ein operatives Lifting. Doch wie man allenthalben sehen kann, ist das mit dem Lifting meist auch keine Verbesserung. Ein paar Jahre später und alles sieht noch schlimmer aus als vorher. Irgendwie drehten wir uns im Kreis und kein Ausweg war in Sicht. 


Zu unseren Anfangszeiten hatten wir es schon mit Therapien versucht. Damals waren wir beiden gerade 13, jung und noch sehr flexibel. Ein Korsett sollte die Spannungen zwischen uns neutralisieren und eine Kur sollte uns einander wieder näher bringen. Näher gebracht haben uns die beiden Aktionen allerdings, denn wir waren uns im Contra absolut einig. Das Korsett flog schnell in die Ecke und konnte uns mal. die Kur haben wir zwar angetreten, aber sie hatte vor allem einen abschreckenden Effekt. Im Kurhaus liefen nämlich wirklich schlimme Fälle von Zerrüttung herum. Die Schocktherapie zeigte für eine Weile tatsächlich Wirkung. Wir beide waren aus lauter Angst etwas vorsichtiger miteinander, turnten und atmeten was das Zeug hielt. Bis uns die Kurärztin nach einer Untersuchung fragte, was wir in dem Institut eigentlich zu suchen hätten, uns würde ja rein gar nichts fehlen und unseren Platz könnten andere nun wahrlich besser gebrauchen.
Dass die  Anwendungen nun also nicht nur aufgezwungen, sondern auch noch als überflüssig erkannt wurden, war ein bißchen viel. Schließlich hatten wir auch noch eine Menge überwiegend schlechte Erfahrungen mit dem damals noch vorherrschenden militärischem Drill und furchtbarer Kantinenverpflegung gemacht. Das Thema versandete also erstmal. Der Rücken und ich hatten gelegentliche Beziehungskrisen, aber es hielt sich in Grenzen. Wir atmeten und turnten wieder miteinander und damit hatte es sich bis auf weiteres.


Doch vor zwei Jahren wurde es, wie gesagt richtig ernst. Nicht nur, dass unsere Beziehung wohl als zerrüttet zu bezeichnen war, nein auch das Umfeld hatte sich geändert. Schließlich kamen wir mitten hinein in die Bugwelle des Fitnesswahn und der Begeisterung für Sport quer durch die Bevölkerung. Jeder ist heute Experte für Rückenfragen und wir sind willkommenes Opfer von weitreichenden Erklärungen und noch mehr todsicheren Empfehlungen. Visitenkarten werden gezückt, Telefonnummern weitergereicht. Wirklich jeder weiss, was wir zu tun haben, zu welchen Ärzten wir gehen sollen, und ob wir uns operieren lassen sollen. Wir, mein Rücken und ich, hören mal mehr oder weniger tapfer zu und gehen dann unserer Wege. Trotzdem haben wir uns im stillen Kämmerlein damit beschäftigt und so ziemlich alles ausprobiert: Akkupunktur, Osteopathie, Schlingentherapie, Shihatsu, Craniosakraltherapie, Yoga, Pilates und vieles mehr.Wie Therapiejunkies tingelten wir durch die Praxen. Bis einer Neurologin schließlich das naheliegende einfiel: 'Ihr braucht einfach mal Ruhe voneinander.'  Eine räumliche Trennung kam für uns nicht in Frage und so haben wir unsere emotionale, nervige und nervliche Verbindung für eine Weile kappen lassen. Eine sichere Arzthand, CT-Gerät und Schmerzmittel machen es möglich. Die zeitweilige Loslösung war eine Erlösung für uns beide. Aufatmen! Dass nach dieser Erholungsphase dann doch Therapien anstanden, war besprochen und wir haben sie gefunden in einer ganz speziellen Kombination von mehreren. Denn, das ist die eigentliche Erkenntnis,  wir beide wissen am besten was uns gut tut. Jetzt wollen wir uns nun nicht mehr trennen, sondern zusammen alt werden. 
Der Satz "Ich hab Rücken" hat für mich eine andere Bedeutung. 'Gott sei Dank, hab ich Rücken und er bewegt sich noch.' Wie er darüber denkt? Das will er an dieser Stelle demnächst selbst erzählen.

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